Die E-Mail an die Mitarbeiter der Nokia Siemens Networks lautete nur: „Restrukturierung von NSN – nächste Maßnahmen in Deutschland“. Das bedeutet im Klartext, dass 2900 Arbeitsstellen wegfallen. Die Mitarbeiter sind von den Standortschließungen geschockt.
Dabei schien im Juni 2006 die neue Siemens-Nokia-Welt so einfach zu sein. Damals präsentierte der ehemalige Chef von Siemens, Klaus Kleinfeld, sein neues Joint-Venture-Netzwerk mit Nokia in Frankfurt. Er schätzte diese Company als erfolgreich ein, weil in der Branche die „Besten“ zusammengefunden hätten.
Viele hatten damals schon den Verdacht, dass es Siemens eigentlich um etwas anderes ging als durch eine Fusion etwas bereits Gutes noch zu verbessern. Sondern ein Geschäftsfeld wollte Siemens eigentlich abgeben, mit dem nichts mehr anzufangen war. Der schwedische Ericsson-Konzern und andere hatten mit diesem Geschäftsfeld längst die Nase vorn, bei dem fernöstliche Firmen die Preise drückten. Der Verdacht liegt nahe, dass Siemens sich vor allem selbst retten wollte.
Der Münchener Konzern Nokia Siemens Networks (NSN), ein Geschäftsunternehmen von Deutschland und Finnland, gegründet 2006, hatte im Jahr zuvor bereits sein Handy-Geschäft eingestellt, im Vordergrund standen fortan Dinge wie Röntgenapparate und Gasturbinen. In den Jahren danach löste eine schlechte Botschaft die nächste ab und nun die letzte Horrornachricht. Auch die Besten der Branche kann es also treffen.
Nokia als auch Siemens hatten in den vergangenen Jahren – so hieß es – erwogen, das Joint Venture zu verlassen. Nachgedacht wurde auch über einen Börsengang, dieser aber dann wieder verworfen. Dann wollte Chef Rajeev Suri die Wende mit schnellen, mobilen Breitbandnetzen schaffen. Alles Überflüssige sollte abgewickelt oder verkauft und die Verwaltung dezimiert werden. Seitdem bangen 9100 deutsche Mitarbeiter um ihre Arbeitsstelle.
NSN-Finanzchef Marco Schröter informierte am Dienstag in einer sofort einberufenen Pressekonferenz über weitere Schritte: So soll in Deutschland jeder dritte Job wegfallen. In der Verwaltung in München, bei der 3600 Menschen arbeiten, sollen die Türen bereits Ende nächsten Jahres geschlossen werden. Für 1600 Mitarbeiter wird es Umzug bedeuten von einem der bisher 35 Standorte in Deutschland auf verbleibende fünf.
Schröter ist bemüht, die schlechten Nachrichten abzumildern. So sei der Stellenabbau deswegen nötig, damit die Firma gesunden kann. NSN hat einen traurigen Rekord gehalten: Seit ihrer Gründung hat es praktisch in jedem Quartal Verluste eingefahren. So lag der Umsatz im abgelaufenen Jahr bei 14 Milliarden Euro. Schröter beteuert, dass es möglich sei, davon fünf bis zehn Prozent in Gewinn umzumünzen. Bis wann aber? Darauf möchte er sich nicht festlegen. Jetzt komme erst einmal ein Jahr der Umstrukturierung.
Um Kosten von ca. einer Milliarde Euro einzusparen, sollen weltweit 17.000 Stellen wegfallen. In Finnland, dem Heimstandort von Nokia, wird davon gesprochen, von den momentan 6900 Stellen bis zu 1200 abzubauen. Alle Standorte soll es betreffen, aber keiner soll vollständig geschlossen werden.
260 Jobs werden in England gestrichen, betroffen wird auch Südamerika sein. Sollten einzelne Unternehmensteile verkauft werden, könnten noch weitere Stellen wegfallen. Schröter spricht von „einigen Hunderten“. Immerhin zieht er nach oben eine Grenze: Keinesfalls würden es weltweit über 2000 Stellen sein.
Der Sparkurs trifft Deutschland besonders hart, da hierzulande die Lohnkosten im Vergleich hoch sind, besonders in München. Von Bedeutung sind außerdem die asiatischen Schwellenländer für NSN: Die besten Geschäfte werden dort gemacht, da die Netze massiv ausgebaut werden. So hat die NSN in Indien seine Mitarbeiterzahl in den letzten vier Jahren verdoppelt, China gar verdreifacht.
Schröter hofft auf einen Abschluss der Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern bis zum Sommer. Aber Widerstand ist schon angekündigt: Zum Protest aufgerufen hat die Gewerkschaft IG Metall. Mit Trillerpfeifen und mit Warnwesten bekleidet wollen sie vor das Münchener Büro ziehen, dem Sitz des Vorstandes. Michael Leppek von der IG Metall sagt, dass alle geschockt sind. Die schlimmsten Befürchtungen der Mitarbeiter sind mit der Nachricht der Standortschließungen übertroffen worden: „Brutaler geht´s nicht.“
Erstes Zeichen des Protestes soll die Demonstration sein. Leppek sagt, dass die Gewerkschaft den NSN an den Verhandlungstisch holen und für den Erhalt des Standorts München kämpfen wolle. Außerdem müssten die Konzernmütter ihren Teil zu Lösung beisteuern. Die Gewerkschaft erwartet von Siemens, dass sich der Konzern seiner Verantwortung bewusst ist und viele betroffene Mitarbeiter bei sich wieder einstellt. Doch Leppek ist eher pessimistisch, die Lage sei kritisch.
Die beiden Konzerne Nokia und Siemens hatten noch im September 2011 je eine halbe Milliarde Euro für NSN aufgewendet – allein, das Geld reicht nun auch nicht mehr.
Quelle: sueddeutsche.de
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